Predigt über die Jahreslosung 2019 – Suche Frieden und jage ihm nach (Pfr. Andreas Heitmann-Kühlewein, 13.01.2019)

Liebe Gemeinde,

Suche Frieden und jage ihm nach. So kurz und so prägnant ist die Jahreslosung für 2019. Suche den Frieden und jage ihm nach. Ich habe mit vielen Menschen aus unserer Gemeinde über diesen Satz in der vergangenen Woche gesprochen und gefragt: Was verbinden Sie damit?
Viele haben gesagt: er hat etwas sehr aktives und aktivierendes. Suche Frieden, jage ihm nach. Bemühe dich drum.
Einige Ältere, die den Krieg noch erlebt haben, haben gemeint, dass man den Frieden nicht für etwas selbstverständliches nehmen dürfe, als wäre es ganz normal, dass bei uns Frieden herrscht. Man müsse ihn immer wieder suchen und um ihn ringen.
Den Konfirmanden sind viele Situationen eingefallen, wo es zu Unfrieden kommt – in der Familie, in der Schule, sogar Streit mit Haustieren wurde genannt – und es war ziemlicher Konsens: Frieden suchen ist nötig, aber oft schwer.
Etliche haben sich am Begriff des Jagens gestört. Was soll das? Jagen verbindet man mit Töten, nicht mit Frieden. Jemand hat dagegen auf das Alte Israel hingewiesen: ohne Jagen kein Essen (oder nur begrenzt). Friede als etwas Lebens-Notwendiges, wie Essen.
Manche haben gesagt: zuerst muss man Frieden mit sich selbst schließen, bevor man sich dem Frieden mit anderen oder in der Welt zuwenden kann. Ich habe das in Frage gestellt: wenn man warten will, bis man mit sich selbst so ganz im Reinen ist, dann wird das nie was mit dem Frieden im Großen. Und dann gab es noch die Frage: muss Frieden nicht geschenkt werden? Ist es mehr eine Gabe – oder eine Aufgabe?

So gibt es viele Gedanken und Assoziationen zu unserer Jahreslosung, in sehr großer Vielfalt. Ich will mit Ihnen zunächst einmal auf den Zusammenhang schauen, in dem dieser Vers steht. Er kommt nämlich aus einem Psalm, aus Psalm 34, und dieser Psalm ist nun erstaunlicherweise keine Mahnung zum guten Zusammenleben oder Ratgeber für einen König, sondern die Überschrift über diesem Psalm heißt: Unter Gottes Schutz.

Und dann kommen viele wunderbare Sätze – und wir hören jetzt einige Verse aus diesem Psalm 34 – und ich bitte Sie: lassen Sie sie auf sich wirken, in ihrer Schönheit und Kraft.

* Ich will den Herrn loben allezeit, sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein.
* Als einer im Elend rief, hörte der Herr und half ihm aus allen seinen Nöten.
* Der Engel des Herrn lagert sich um die her, die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus.
*Schmecket und sehet wie freundlich der Herr ist, wohl dem, der auf ihn traut.
* Der Herr ist nahe denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilft denen, die ein zerschlagenes
Gemüt haben.
* Suche den Frieden und jage ihm nach.
* Wer gerecht handelt, muss viel leiden, aber aus alledem hilft ihm der Herr.

Diese und noch viele andere Sätze stehen in Psalm 34 – und er ist thematisch so weit wie das Leben.
Ursprünglich wurde er auch nicht von einem Einzelnen am Schreibtisch geschrieben, sondern ist in einem langen Prozess entstanden, in Zusammenstellung von alten und neuen Liedern (wie bei uns heute) – und  unter der Überschrift Unter Gottes Schutz.

Mitten zwischendrin die Sätze um unsere Jahreslosung. Sie beginnen mit:

Wer möchte gerne gut leben und schöne Tage sehen?
Behüte deine Zunge vor Bösem und deine Lippen, dass sie nicht Trug reden.
Lass ab vom Bösen und tu Gutes, suche Frieden und jage ihm nach.

In der hebräischen Poesie ist es übrigens so, dass nicht so sehr ein Reim im Vordergrund steht, sondern poetisch ist zum Beispiel, dass die gleiche Sache in zwei verschiedenen Wendungen ausgedrückt wird – und so wirkt sie verstärkend: lass ab vom Bösen, tue Gutes. Suche den Frieden und jage ihm nach. Es wird verstärkt – suche unbedingt den Frieden, lass dich nicht entmutigen.

In welchen Situationen wird das konkret?
Aus den Gesprächen in der letzten Woche nenne ich ein paar Beispiele:

Jemand hat gesagt: es wird so viel negativ geredet. Vor allem über andere. Und das zieht einem runter.
Eine Erfahrung, die wohl fast jeder immer wieder macht. Es wird negativ geredet, vor allem über andere, und das zieht einem selbst mit runter. Im persönlichen Umfeld, in den Chats (da ganz besonders – wie viel Hass in den sozialen Netzwerken, zum Teil auch in Mails, vor allem im Schutz der Anonymität) – und zunehmend auch in den gesellschaftlichen Debatten: es wird negativ geredet.

Ich komme noch einmal auf den Psalm zurück und bewundere die weise Zusammenstellung:
Behüte deine Zunge vor dem Bösen und deine Lippen, dass sie nicht Trug reden. Lass ab vom Bösen und tue Gutes, suche Frieden und jage ihm nach.
Wie wichtig – und wie schwer -, dass man dort, wo schlecht geredet wird, ein Beispiel zum Guten setzt. Zum Frieden hin spricht. Sich aktiv für den Frieden einsetzt, solche Menschen braucht es in unserer Gesellschaft.

Mich hat in letzter Zeit ein Satz von Michelle Obama sehr beeindruckt, der heißt: when they go low, we go high. Wenn das Niveau sinkt, wir lassen uns nicht anstecken. Das soll sich nicht überheblich anhören, sondern besagt: wenn andere Schmutz verbreiten – ich mache nicht mit. Weder in meinem Alltag noch im Internet. Wenn andere Schmutz verbreiten, ich mache nicht mit. Sondern: ich setze aktiv etwas positives dagegen.
Und ich stelle mir auch nicht immer wieder die Frage, ob das, was ich tue, jetzt etwas bringt oder nicht – sondern ich gehe den geraden Weg, den Weg Jesu, und erinnere mich an seine ansteckende Kraft zum Frieden.  Lass ab vom Bösen und tue Gutes, suche den Frieden und jage ihm nach.

Dazu braucht es oft Mut – ich erinnere noch einmal daran, dass der Satz im Psalm unter der Überschrift steht: UNTER GOTTES SCHUTZ. Zwei Konfirmanden haben in der letzten Konfistunde als Symbol für den Frieden einen Engel mitgebracht – Friedensengel, das hat etwas schützendes und etwas ermutigendes. Sei nicht still, wenn andere schlecht gemacht werden – setze etwas Gutes dagegen – im Wissen: ich stehe unter Gottes Schutz.

Ein anderes Beispiel: ich habe ein Buch unseres derzeitigen Bundespräsidenten Frank Walter Steinmeier gelesen, das er geschrieben hat, als er noch Außenminister war. Und ich habe darin bewundert, wie er von Friedensverhandlungen geschrieben hat, etwa im Nahen Osten oder in der Ukraine. Er hat beschrieben, wie mühsam es ist, mit Kontrahenten am Tisch zu sitzen, die eigentlich Feinde sind. Wie man wieder und wieder miteinander ringt – und nachts um 3 Uhr – oder wenn sie einen Vertrag gebrochen haben, wieder erneut zusammensitzt und sich um den Frieden müht.
Ich bewundere alle Politiker und Diplomaten und übrigens auch Kirchenleute sehr, die sich nicht entmutigen lassen, wieder und wieder  zum Frieden zu drängen, und dabei mit Leuten am Tisch zusammensitzen, die oftmals ganz andere Interessen als den Frieden haben. Was für ein Dienst am Ganzen!

Suche Frieden und jage ihm nach – das heißt für mich: dranbleiben. Im kleinen, persönlichen, aber auch im großen, politischen. Sich nicht durch Rückschläge entmutigen lassen. Sich nicht vom Negativen so beeindrucken zu lassen. Manchmal ist es wie das Bohren dicker Bretter – du kommst nicht auf einmal durch. Sondern es braucht einen langen Atem – und das Gehaltensein durch Gott – suche Frieden und jage ihm nach.

Es wurden noch viele andere Beispiele genannt, Frieden in der Familie, natürlich – und wir denken an unsere eigenen Familien – oder Frieden zwischen den Religionen – oder, noch größer, Frieden mit der Schöpfung – eine Frau hat gesagt, und so sehe ich es auch, der Klimawandel ist die allergrößte Bedrohung für den Frieden, weil er Kampf um die Ressourcen unserer Erde bedeutet und noch viel mehr Flucht und Migration. Die Jahreslosung hat da etwas prophetisches: es hängt viel daran, ob der Friede gelingt.

Man kann angesichts all dessen leicht mutlos werden. Ich glaube, Friede ist immer beides, eine Gabe und eine Aufgabe. Wir müssen alles daran setzen, dass er gelingt, aber der Segen kommt von Gott.

Wir haben Ihnen ein Buchzeichen mit der Jahreslosung ausgeteilt – man sieht, wie der Friede wächst, wie eine Knospe – aus der dunklen Erde ins Licht. Manchmal so zart und verletzlich wie eine Knospe. Aber auch so schön und farbig. Er muss in mir wachsen – und dann heraus.
Man sieht aber nicht nur die Knospe, sondern die Knospe besteht aus vielen Händen, die den Frieden stützen – und wenn eine Hand schwach wird, stützt die andere weiter. Das wäre für mich auch ein Bild für Gemeinde.
Wie bei allem, was wächst, braucht es aber den Segen, den Segen Gottes, dass der Friede auch geschieht. In Jesus Christus zu sein, das ist ein tiefer Frieden – wie ein Nährboden, in dem auch der äußere Frieden wachsen kann. Es gehört zusammen: das was wir tun können und müssen – und das was Gott tut, an uns und aller Welt.

Amen