Predigt am 17. November 2019 in Spessart und in der Johanneskirche Ettlingen (Prälat i.R. Dr. Helmut Bariè)

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unsrem Vater und von dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Das Thema meiner Predigt am heutigen Volkstrauertag, mitten in der Zeit im Jahr, welche die Evangelische Kirche seit 1980 „Friedensdekade“ nennt, lautet:

Krieg und Frieden in Bibel und Gesangbuch.

Worte, die in mein persönliches Leben hineinsprechen. (Wiederholen!)

Liebe Gemeinde, vorhin haben wir mit Worten des 85.Psalms  gebetet: „Herr, erweise uns deine Gnade… dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen.“ Das ist die Sehnsucht, welche die Bibel in den Bibellesern weckt: „Dass Gerechtigkeit und Friede sich küssen.“  Wenn zwei sich küssen, ist das etwas sehr Schönes. Ich muss das nicht näher beschreiben. Ich denke, Sie wissen, welche Glücksgefühle es weckt, wenn man geküsst wird und küssen darf. „Dass Gerechtigkeit und Friede sich küssen“. Das ist die Aussicht, die denen eröffnet wird, die sich im Glauben an die Worte der Propheten und an die Worte der Beter der Psalmen halten. Das ist die Quelle der Zuversicht für uns in schlimmen Zeiten. In Zeiten, in denen „die Welt schlimmen Lauf nimmt“. Ein Kirchenlied sagt: „Gib Frieden, Herr, gib Frieden, die Welt nimmt schlimmen Lauf. Recht wird durch Macht entschieden, wer lügt, liegt obenauf. Das Unrecht geht im Schwange, wer stark ist, der gewinnt. Wir rufen: Herr, wie lange? Hilf uns, die friedlos sind.“  (EG 430,1) In diesem Lied wird unsre Welt beschrieben, wie sie immer noch ist, nicht nur  gewesen ist, als Jürgen Henkys 1983 in der damals noch existierenden DDR das Lied gedichtet hat.

Unmittelbar vor der Predigt haben wir heute gesungen: „Die Güt und Treue werden schön einander grüßen müssen, Gerechtigkeit wird einhergehn, und Friede wird sie küssen.“ (EG 283,6) Ein Lied von Paul Gerhardt. Er dichtete es fünf Jahre nach dem Friedensschluss  von Münster und Osnabrück, der den großen Krieg beendet hat. Dreißig Jahre haben Heere die deutschen Dörfer und Städte verwüstet und  die Felder und Wälder dazu.  In manchen Gegenden ist weniger als ein Drittel der Bevölkerung am Leben geblieben. Ein Bespiel aus der Nähe: Heidelsheim bei Bruchsal hatte vor dem Dreißigjährigen Krieg etwa 1.200 Bewohner. Am Ende des Krieges nur noch etwa 310. Ich kann mir vorstellen, mit welchen Gefühlen tiefer Dankbarkeit Paul Gerhardt damals nach dem Friedensschluss die Worte des 85. Psalms in seinem Lied nachgedichtet hat: „Gerechtigkeit wird einhergehn und Friede wird sie küssen.“

Begonnen haben wir heute mit dem Lied „Nun danket alle Gott“ (EG 321). Martin Rinckart hat es 1636, mitten im Dreißigjährigen Krieg,  gedichtet. Ich erinnere mich, dass ich das Lied schon als Kind gern hatte. Es wurde an meinem Geburtstag gesungen. „Der ewigreiche Gott woll uns bei unserm Leben ein immer fröhlich Herz und edlen Frieden geben.“   „und edlen Frieden geben“  – ja Frieden ist etwas Edles. Das wurde mir beizeiten bewusst gemacht. Über meiner Kindheit lag der dunkle Schatten des Zweiten Weltkriegs. Meinen Vater habe ich erst in meinem neunten Lebensjahr richtig kennengelernt. Im April 1945 geriet er bei den mörderischen Kämpfen östlich von Berlin in  Kriegsgefangenschaft. Vier Jahre musste er als Kriegsgefangener in Russland  Zwangsarbeit leisten. Erst 1949 kam er wieder heim. Gleich zu Beginn von Hitlers Krieg 1939 war er zur Wehrmacht eingezogen worden. Von seinem 1940 geborenen Sohn Helmut hatte er nicht viel. Einige wenige Fotos von seinen kurzen Urlauben von der Front und die Erzählungen meiner Mutter waren das, was mich als Kind an meinen abwesenden Vater erinnerte. Und eine Taschenlampe. Die hat aber nicht mehr funktioniert. Ich habe sie dabei: Sie hing mit ihrem kleinen Lederriemen am Soldatenmantel meines Vaters, als ein Scharfschütze auf das Herz zielte. Die Kugel durchdrang die Taschenlampe. Man erkennt vorn rechts die Einschußstelle und hinten die Stelle, wo das Blech zerfetzt ist. Die Kugel hat einen Lungenflügel verletzt. Das war an sich schlimm genug. Aber die Kugel hatte nicht tödlich getroffen. Mir wurde gesagt: „Die Taschenlampe hat deinem Papa das Leben gerettet. Sie hat die Kugel zur Seite abgelenkt“. Voll Ehrfurcht habe ich als dreijähriges Büblein die Taschenlampe bestaunt.   Nach monatelangen Aufenthalten im Lazarett in Tilsit an der Mehmel und später in Freudenstadt im Schwarzwald wurde meinem Vater im letzten Kriegsmonat vom Militärarzt bescheinigt, er sei wieder „kv“, „kriegsverwendungsfähig“, wie das damals hieß. So geriet er als Soldat 1945 in die Hände der Russen.  Lange wussten wir nichts  über sein Schicksal. Später trafen Postkarten ein. Die sahen so aus:      Auf der Vorderseite in russischer Sprache und auch auf Französisch die vorgedruckten Angaben. Auf der Rückseite das, was mein Papa geschrieben hatte. Die erste Karte vom 30. März 1946 erreichte meine  Mutter erst einen Monat später. Darin steht: „Du hast sicher schon viel Tränen um mich geweint. Mein letzter Brief ging am Ostersonntag 1945 während der Fahrt zur Ostfront an dich ab. Schon 18 Tage später war ich – unverwundet – Gefangener der Roten Armee. Bisher bin ich auch gesund geblieben und nach dem gefürchteten russischen Winter in gutem körperlichem Zustand. Die Tage vergehen in Arbeit, Essen und Schlafen. – Na einmal muss auch unsre Freiheitsstunde schlagen….“

Die Freiheitsstunde schlug 1949,  am 25. April . Ein Ausweis des Ministeriums der Streitkräfte der UdSSR  bescheinigt meinem Vater in russischer und deutscher Sprache: „Ist aus dem Kriegsgefangenenlager entlassen worden und befindet sich auf der Heimreise.“ Ende April 1949 ist mein Vater dann  im Durchgangs-und Heimkehrerlager eingetroffen. In Ulm auf dem Bahnsteig hat meine Mutter ihn mit mir zusammen wieder in den Arm genommen. Nach vier Jahren Trennung.   Um uns herum standen auf dem Bahnsteig in Ulm andere Frauen oder auch Väter, die etwas zu erfahren hofften über das Schicksal ihrer im Krieg vermissten Männer oder Söhne. Sie trugen Schilder: Wer kennt den Gefreiten, oder wer kennt den Feldwebel oder ein anderer militärischer Dienstgrad. Es folgte ein Name, zuletzt gesehen bei …, es folgte ein Ortsname irgendwo in Russland. Mich haben diese  Bilder von verzweifelt suchenden Angehörigen am Tage der Heimkehr meines Vaters tief berührt. Es ist heute noch so: Wenn ich Fotos oder Filme sehe von Kriegsheimkehrern muss ich mich sehr beherrschen, dass ich nicht weine. Manchmal lasse ich meinen Tränen freien Lauf. Denn etlichen gleichaltrigen Freunden ging es viel, viel  schlechter als mir. Ihre Väter kamen nicht heim aus Hitlers Krieg. Ich denke an die Schulklasse, in der ich Abitur machte. Neben mir saß Rainer; sein Vater war gefallen. In der Bank hinter mir saß Niko; sein Vater war gefallen. Neben Niko saß Ernst; sein Vater war gefallen. Dahinter saß Ursel; ihr Vater war gefallen. Zwei Bänke weiter saß Wolfgang; sein Vater war gefallen. — Warum erwähne ich das alles?      Ich gehöre zu den Jahrgängen, deren Kindheit vom finsteren Schatten des Kriegs verdunkelt war. Und ich denke, unsre Jahrgänge sollten den später Geborenen erzählen, was das hieß.  Als Warnung. Damit sie nicht denen auf den Leim gehen, die davon reden, die 12 Jahre unter Adolf Hitler seien nur ein „Vogelschiß“ gewesen. Für meinen Patenonkel Rudolf und meine Tante Emma war es kein „Vogelschiß“, dass ihre einzigen Kinder, die Söhne Gerhard und Fritz in Hitlers Krieg ihr Leben ließen. Beide innerhalb einer Woche. Der Tod ihrer Söhne stürzte meinen Onkel und meine Tante in tiefe Trauer, die viele Jahre anhielt.   Bevor Hitler so viele Wählerstimmen errungen hatte, dass er in Deutschland an die Macht kam, gab es durchaus deutliche Warnungen. „Mütter, legt euren Söhnen nicht das Todesurteil in die (Wahl-) Urne mit dem Stimmzettel für Hitler.“  (Annette Borchardt-Wenzel, Frauen in Baden. Ein biografischer Streifzug durch die Geschichte,  Regensburg 2018, S. 175) Das hat eine kluge Frau gesagt. Eine fromme Frau. Eine Katholikin aus Südbaden. Sie gehörte während der Weimarer Republik dem Badischen Landtag in Karlsruhe an. Seit 1932 dann dem deutschen Reichstag in Berlin  als Abgeordnete der Zentrumspartei. Ihr Name: Clara Siebert. Von Clara Siebert stammt die geradezu prophetische Warnung: „Mütter, legt euren Söhnen nicht das Todesurteil in die (Wahl-)Urne mit dem Stimmzettel für  Hitler.“  Aber leider, leider ist es anders gekommen. Viele Frauen, viel zu viele, haben mit ihren Stimmzetteln für Hitler ihren Söhnen das Todesurteil in die Wahlurne gelegt.

Nun, liebe Gemeinde, leben wir nach 1945 in Mitteleuropa schon 74 Jahre ohne Krieg. In der Bibel steht: „Und das Land war zur Ruhe gekommen vom Kriege“. Man könnte mit diesen Worten aus der Bibel auch unsere Situation beschreiben: „Und das Land war zur Ruhe gekommen vom Kriege.“ Der Satz steht im Buch Josua im Kapitel 11 (Vers 23) und noch einmal im Kapitel 14 (Vers 15). Voraus geht eine lange Aufzählung von Kriegen und Eroberungen, von zerstörten und verbrannten Ortschaften,  von Vertreibungen und Kriegsgefangenen. (Josua 11,23 und 14,15) „Und das Land war zur Ruhe gekommen vom Kriege.“ So endet der biblische Bericht über das politische Wirken des Josua in der Frühzeit des Volkes Israel.  Später heißt es in der Bibel im Buch Richter im zweiten Kapitel: Das Volk „diente dem HERRN, solange Josua lebte, und die Ältesten, die noch lange nach Josua lebten und alle die großen Werke des HERRN gesehen hatten, die er an Israel getan hatte.    Da starb Josua… Als auch alle, die zu der Zeit gelebt hatten, zu ihren Vätern versammelt waren, kam nach ihnen ein anderes Geschlecht, das den HERRN nicht kannte… Da taten die Israeliten  was dem HERRN missfiel … und folgten anderen Göttern nach und beten sie an und erzürnten den HERRN“. So steht es in Richter 2, 7-12.

Liebe Gemeinde, manchmal beschleichen mich dunkle  Gedanken. Ich fürchte, es könnte in Deutschland soweit gekommen sein: „Kam nach ihnen ein anderes Geschlecht, das den HERN nicht kannte“. Wenn einmal alle gestorben sind, die erlebt haben, wie groß und wie unverdient die Wohltat Gottes an unserem Volk nach 1945  gewesen ist. Er hat uns herausgeführt aus dem Elend, das unser Volk selber verschuldet hatte. Er hat Versöhnung geschenkt mit den einstigen Feinden. Versöhnung mit Franzosen. Versöhnung mit Engländern, Versöhnung mit Polen, Versöhnung mit Russen. Für mich war das in den Jahren, in denen ich wach am politischen Geschehen teilgenommen habe, wunderbar genug. „Und das Land war zur Ruhe gekommen vom Kriege.“ Aber mich beschleicht manchmal die Sorge, wir wüssten nicht mehr, was hinter uns liegt. Ja, wir wollten es nicht mehr wissen. Manche sagen: Man müsse doch endlich einen Schlußstrich ziehen.   Da wo ich wohne, liegt um die Ecke die Straße, die nach Willy Brandt benannt ist. Willy Brandt hat gesagt: „Ein Volk muss bereit sein, nüchtern auf seine Geschichte zu blicken.   Denn nur wer sich daran erinnert, was gestern gewesen ist, erkennt auch, was heute ist und vermag zu überschauen, was morgen sein kann.“ (Zitiert nach: Volkstrauertag 2019, 100 Jahre Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V.)

Sie haben gemerkt, dass ich mich daran erinnere, was gestern gewesen ist. Ich will erkennen, was heute ist. Ich hoffe, dass ich auch ein wenig zu überschauen vermag, was morgen sein kann. Solange ich dazu noch in der Lage bin, will ich durch Gespräche und Predigten, durch Lieder und Gebete die biblische Verheißung  wachhalten. Sie eröffnet eine Aussicht, an die ich mich im Glauben halten kann. Das ist die Quelle der Zuversicht für uns. Die Verheißung Gottes steckt in der Bitte des Psalms 85: „HERR, erweise uns deine Gnade, … dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen.“ Amen