Wie sieht Klimaschutz und Umweltverantwortung praktisch aus? Vor acht Jahren hat sich die Kirchengemeinde Ettlingen auf den Weg gemacht und das Umweltmanagementsystem Grüner Gockel eingeführt. Über praktische Erfahrungen berichten Pfarrer Andreas Heitmann-Kühlewein und Diakon Frederik Lowin, der Umweltbeauftragter der Kirchengemeinde Ettlingen ist.  

Alle Welt spricht von Klimaschutz. Was hat eigentlich die evangelische Kirche in Ettlingen bisher dazu beigetragen?

In den vergangenen acht Jahren, seit wir das Umweltmanagementsystem Grüner Gockel eingeführt haben, konnten wir in unseren drei Pfarrgemeinden Johannes, Paulus und Luther eine Einsparung von 40,75 %  (von 95,267 kg auf 56,446 kg CO2) erzielen (Stand Ende 2019). Damit haben wir auch das Ziel der Landeskirche erreicht. Das ist ein Ergebnis, auf das wir stolz sind.

Was ist eigentlich der Grüne Gockel?

Der Grüne Gockel ist praktischer und sichtbarer Teil des landeskirchlichen Klimaschutzkonzepts. Er ist ein Umweltmanagementsystem. Das heißt, wir handeln nicht einfach nur spontan oder nach Bedarf, sondern wir haben Strukturen eingerichtet, mit denen wir unsere Umweltbilanzen kontinuierlich verbessern. Alle zwei Jahre werden wir intern und alle vier Jahre extern zertifiziert – mit dem EMAS-Siegel. Das heißt, es kommt ein Wirtschaftsprüfer von der IHK und prüft unser System.


Ist das sehr aufwendig?
Ja, das muss man leider sagen. Vor allem am Anfang ist es eine Menge Arbeit, alle Daten zu erfassen, vor allem, die Zählerstände aufzuschreiben und zu vergleichen. Aber es lohnt sich! Vor allem, weil man sieht, wie schnell allein durch Nutzungsverhalten Energie, CO2 und Geld eingespart werden können. Wir haben dann allerdings auch „dickere Bretter“ gebohrt: eines unserer Ettlinger Gemeindezentren wurde renoviert und wir haben auf zwei unserer Häuser eine PV-Anlage gebaut (darunter auf einen Kindergarten, was sich in vieler Hinsicht „gelohnt“ hat). Hinzu kommen viele kleinere Maßnahmen.

Das kann aber keiner allein machen!

Nein, wir haben ein ganzes Team hier im Grünen Gockel Ettlingen. Es sind Menschen aus den unterschiedlichsten Fachrichtungen – übrigens auch solche, die sich ansonsten nicht in der Gemeinde engagieren, aber hier ihren Platz finden. Es motiviert also auch neue Ehrenamtliche.
Dazu ist es in der Außenwirkung enorm positiv, wenn eine Kirchengemeinde etwas sichtbares für den Umweltschutz tut. Außerdem hilft das gemeinsame Umweltengagement, dass wir als Kirchengemeinde aus den drei Pfarrgemeinden zusammenwachsen.  

Was unterscheidet euch von Umweltgruppen?

Na, da könnte ich theologisch sagen, die Verantwortung vor Gott dem Schöpfer.
Aber konkreter: wenn ich Fürbitten spreche, dann kann ich doch nicht nur sagen: Lieber Gott, mach du – sondern Beten und Handeln hängt zusammen. Oder noch ein anderes Beispiel: im letzten Februar wollten wir mit einer Konfigruppe bei einer Quelle hier in der Nähe wie jedes Jahr Wasser für die Taufe von Konfis holen – und als wir zur Quelle kamen, war kein Wasser mehr drin. Mehr als 70% der Quellen in unserem Gebiet haben inzwischen kaum noch Wasser. Das hat die Jugendlichen schockiert.
Wir haben jetzt eine Zisterne für unsere Gemeinde auf den Weg gebracht, um im Garten nicht so viel Nutzwasser zu verbrauchen.

Wie ist das Ganze eigentlich entstanden?

Schon vor 10 Jahren haben wir hier in Ettlingen sog. „Klimagottesdienste“ gefeiert, ganz ökumenisch, evangelisch-katholisch-freikirchlich. Damals unter dem Motto: „Schöpfung bewahren – es ist fünf vor zwölf“. Inzwischen ist es eher nach zwölf. Weil Beten und Handeln für uns zusammengehören und wir nicht nur anderen predigen wollten, sind wir beim Grünen Gockel eingestiegen. Außerdem wird uns gerade durch unsere ökumenischen Partnerschaften bewusst, dass der Klimawandel schon jetzt zu großer Not in den Ländern des globalen Südens geführt hat. Wir müssen also jetzt etwas tun.

Wie bedeutet das alles finanziell? Was muss man reinstecken, was kommt raus?

Ganz genau kann ich es nicht sagen. Klar, manche Investitionen waren hoch, für die PV-Anlagen etwa oder für die Renovierungen – aber letzteres hätten wir eh machen müssen. Auf der anderen Seite stehen Einsparungen für die Gesamtkirchengemeinde allein im Energiebereich von mehr als 10.000 Euro in den letzten sieben Jahren. Hinzu kamen Zuschüsse vom Büro für Umwelt und Energie (BUE) der Landeskirche bei verschiedenen Bauvorhaben.  
Alles in allem lohnt es sich – nicht nur hinsichtlich der C02-Bilanz, sondern auch mit Blick auf steigende Energiepreise ist es zukunftsweisend und schafft mehr Spielräume für die inhaltliche Arbeit.

Bedeutet dies auch etwas in Zusammenhang mit dem Liegenschaftsprojekt (das heißt, welche kirchlichen Gebäude sind zukunftsfähig und werden erhalten)?

Indirekt ja – je nachhaltiger ein Gebäude „aufgestellt“ ist, desto eher wird man dessen Unterhalt auch in den kommenden Jahrzehnten stemmen können.

Wie hängt dies alles mit den Menschen in der Gemeinde zusammen?

Da könnte ich von vielem berichten. Wir haben, wie schon gesagt, neue Mitarbeiter/innen gewonnen. Auch und gerade Jugendliche finden sehr gut und wichtig, wenn die Gemeinde etwas für die Umwelt tut – und sie sind gerne bereit, sich bei verschiedenen Projekten einzubringen. Im Kindergarten geschieht Umwelterziehung – und wir haben ganz neue Vernetzungen in die Stadtpolitik hinein, etwa mit dem Klimamanager Herrn Prosik – aber auch mit anderen Organisationen, denen der Klimaschutz wichtig ist.

Gibt es außer dem Klimaschutz im engeren Sinn noch andere Felder, auf denen ihr in Umweltfragen aktiv seid? Auf welchen Feldern findet das noch statt?

Ja, es ist ja ein ganzheitlicher Ansatz. Von der Zisterne habe ich schon erzählt – außerdem achten wir vermehrt darauf, dass unsere Grünflächen auch immer einen „wilden“ Anteil haben, in dem sich Insekten und Kleinorganismen tummeln können. Beim Einkauf versuchen wir, auf ökofaire Kriterien zu achten. Das geht vom Putzmittel bis hin zur Anschaffung von digitalen Gerätschaften. Die frage dahinter ist ja: wie schonen wir Ressourcen? Und es gibt das Einkaufsportal der Landeskirche „Wir kaufen anders“. Wir machen beim Klimafasten und beim Stadtradeln mit – und nicht zu vergessen die geistliche Dimension: wir bringen die Anliegen in Gottesdiensten und in Instagram Andachten von und für Jugendliche und junge Erwachsene mit ein. Aus dem Gebet und der Motivation aus dem Glauben folgt wieder neues Engagement.

Gab es auch mal richtig Zoff in der Gemeinde?

Selten – aber ich erinnere mich an ein Gemeindefest, in dem wir nur vegetarische Speisen angeboten haben – für mehr als 500 Leute! Da gab´s schon Diskussionen! Manche haben sich dann heimlich einen Döner in der Stadt besorgt…. Aber Scherz beiseite: es ist ja ein Spagat zwischen zwei Grundüberlegungen: „Es ist wirklich an der Zeit, es ist auch nicht mehr kurz vor 12, es ist nach 12!“ und „Wir wollen die Gemeinde zusammenhalten, nicht dogmatisch sein und uns wirklich gemeinsam auf den Weg machen“.

Wie geht es weiter?

Die Landeskirche will bis 2050 dekarbonisierte postfossile Kirche sein. Dieses Ziel teilen wir – es ist höchste Zeit umzukehren. Wir wollen deshalb weiter mit Nachdruck daran arbeiten, unsere Gebäude und unser Handeln so auszurichten. Es ist gut zu wissen, dass viele Mitstreiterinnen und Mitstreiter sich auf diesen Weg gemacht haben – jeder an seinem und ihrem Ort.

Weitere Informationen finden Sie hier: https://www.ekiba.de/umwelt-energie-bue


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