Jesus spricht: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen

(Joh 6,37)

Liebe Gemeinde, ich denke über die Erfahrung nach, abgewiesen oder ausgeschlossen zu sein. Wenn ich Sie fragen würde: an was denken Sie dabei? Wann wurden Sie einmal abgewiesen oder ausgeschlossen?
Es wird einem mehreres einfallen. Zweifellos ist das immer eine bittere Erfahrung.
Vergangene Woche habe ich eine Frau beerdigt, die als Kind aus Ostpreußen fliehen musste, mit ihrer Mutter und Geschwistern. Und über die Wochen die Erfahrung: abgewiesen zu werden. Da bist du mit deiner Mama einen ganzen Tag unterwegs, auf der Flucht, und abends wirst du abgewiesen. Man kann es sich kaum vorstellen, was das bedeutet.
Wir denken dabei natürlich auch an Flüchtlinge heute. Oder an Obdachlose und Bettler – nicht willkommen. Und an alle Diskussionen über Geimpfte und Ungeimpfte.
Ausgeschlossen sein ist eine bittere Erfahrung. Allerdings gibt es auch das, dass man sich selbst ausschließen kann.  
Und es gibt das, dass man nicht alle aufnehmen kann. Ein Arzt hat mir erzählt, dass er keine neuen Patienten mehr annehmen kann. Er muss abweisen.
Wie ist es mit der Kirche, der Gemeinde? Immer wieder ist z.B. eine Frage, wie gehen wir mit Ausgetretenen um? Wir sind hier eine offene Kirche, worauf wir stolz sind. Sind wir wirklich offen? Und können und wollen wir für alles und alle offen sein?
Sie merken, es verbinden sich viele Fragen mit diesem Komplex Annehmen/Abweisen/Akzeptiert sein.

In unserer Jahreslosung geht es zuerst und vor allem einmal um Jesus. Zu ihm kommen Menschen – und Er sagt: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.

Jesus Christus steht im Zentrum – so wie in dem Bild zur Jahreslosung, das in unserem Schaukasten hängt. Menschen kommen und treten in sein Licht – und es tut ihnen gut. Es sind, wenn man näher hinschaut, Bedrückte und Gebeugte. Kranke. Ein Mann im Rollstuhl. Manche kommen eher von ferne, andere haben keinen so weiten Weg.
Es sind Menschen von damals – wir denken an Zachäus, den Zöllner, an die Frau am Brunnen (Frauen wurden damals ja vielfach abgewiesen), an so viele Kranke, die er gesund gemacht hat, an kluge Leute wie Nikodemus, mit dem er diskutiert hat.
Sie alle treten in sein Licht – ein warmes Licht, mit warmen Farben.
Und dabei sind auch wir, wir Heutigen, man erkennt es an der Kleidung. Wie viele, die spüren: hier ist ein Zentrum der Kraft. Hier ist das Brot des Lebens, Gott selbst. Er gibt Frieden, Sinn und Wärme.

Menschen kommen zu ihm. Und er sagt: wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.
Das haben schon eher mal seine Jünger getan. Da sagt er z.B.: Lasst die Kinder zu mir kommen und hindert sie nicht daran, heißt es im Kinderevangelium. Manche empören sich darüber, dass er mit Andersgläubigen oder moralisch nicht gerade Einwandfreien zusammen ist und isst.
Wir Menschen wollen gerne Grenzen ziehen. Er weist niemanden ab.
Manchmal kann man die Sorge haben, dass wir – seine Jüngerinnen und Jünger – anderen im Weg stehen, die zu ihm kommen wollen.

Kommen ist überhaupt ein zentrales Wort im christlichen Glauben. Ich denke an das Gleichnis vom Verlorenen Sohn, wo der Sohn zurück kommt und der Vater ihm entgegen eilt. Ein Aufeinander-Zu-Kommen.
In wie vielen Liedern unseres Gesangbuches ist vom Kommen die Rede. Allein in den Advents- und Weihnachtsliedern weit mehr als 80mal singen wir von Seinem Kommen und von unserem Kommen. Ihr Kinderlein kommet. Kommet ihr Hirten usw.

Sich auf den Weg machen zu Ihm. Ich denke oft, über den Glauben kann man viel theoretisch räsonieren und diskutieren. Sozusagen im Sessel, mit verschränkten Armen: ob es Gott gibt oder nicht. Wie er ist oder nicht. Wie alles zusammenpasst. Wer Jesus Christus ist.
Aber: theoretisch diskutiert bleibt es oft unbefriedigend.
Ich glaube, man kann die Stärke des Glaubens nur erleben, wenn man sich wirklich auf den Weg macht zu Ihm, es ausprobiert, Ihm etwas zutraut. Sich auf den Weg machen. Zu Gott kommen. Zu Jesus Christus kommen. Und dabei erfahren: wer zu ihm kommt, den weist er nicht ab.

Er weist nicht ab. Das gilt auch vom Ende des Lebens, vom Tod. Wenn wir mal ans Sterben denken – auch und gerade da hat dieser Satz seine besondere Kraft: Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen. Über allen Beerdigungen dieses Jahres wird unser Satz der Jahreslosung stehen:
Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.
Der letzte Weg ist ein Gehen in sein Licht, ein Heim-Kommen.  

Das gilt auch für die ärmsten unter den Gestorbenen. Im Dritten Reich haben viele Jüdinnen und Juden überlegt, ob es besser wäre, sich selbst umzubringen, bevor man deportiert wird. Und so schreibt eine jüdische Frau – Eva Bildt, die Verlobte des späteren berühmten Theologen Helmut Gollwitzer -:
Wenn man doch denken dürfte, dass die armen Toten von Gott angenommen werden. Auch die, die sich das Leben genommen haben. Der Eine, der Heiland, wird sie nicht abweisen – die, für die die Welt keinen Platz hatte.

Ein letztes. Viele aus unserer Gemeinde haben ja gesagt, wie wichtig sie die Jahreslosung finden – auch für ihr und unser eigenes Verhalten: andere, die zu einem kommen, nicht abweisen. Das betrifft ja viele Lebensbereiche.
Es geht nicht immer – und ist auch nicht in allem und jedem richtig. Manchmal muss auch jemand abgewiesen werden.
Aber die Jahreslosung ist eine Leitlinie und noch einmal ein neuer Denkanstoß. Übrigens nicht nur für uns als Privatpersonen, sondern auch für uns als Gemeinde, als Kirche, als Land, als Gesellschaft. Wer zu uns kommt, nicht abweisen.
In allem, was wir tun, bleiben wir unvollkommen und fehlerhaft. Wir sind nicht Jesus, aber: seine Nachfolgerinnen und Nachfolger. In seiner Spur wollen wir leben. Amen

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