Zur Zeit hat die Kirche einen schlechten Ruf. Viele treten aus oder überlegen sich den Austritt – auch in unserer Gemeinde. Dies gibt Anlass für zahlreiche Diskussionen. Viele sind erschüttert über die Verbrechen, die an Kindern begangen wurden – und deren Verheimlichung und die Strukturen, die das möglich machen. Mir persönlich geht es auch so – manches will man sich gar nicht näher vorstellen. Dies alles betrifft ja nicht nur die katholische Kirche. Auch bei uns Evangelischen ist Missbrauch ein Thema. Trotzdem bin ich manchmal wütend, wenn alles von „Kirche“ dunkel gemalt wird, ohne Differenzierung. Ich denke an die vielen Gemeindemitglieder, die versuchen, die Nächstenliebe in der Nachfolge Jesu zu leben – in aller Unvollkommenheit. An so viele von uns, die wir viel Kraft einsetzen – ich empfinde es als ungerecht, wenn das alles mit ausgekippt wird, wenn die Leute scharenweise aus den Kirchen austreten.

Und so schreibe ich diese Zeilen als Plädoyer, trotz allem in der Kirche zu bleiben. Ich erlebe doch täglich, welch große und stabilisierende Kraft der Glaube gerade in diesen schwierigen Zeiten hat. Und zwar sowohl der Glaube im engeren Sinn, der Glaube an Jesus Christus, der sagt: Fürchte dich nicht, ich bin bei dir – als auch die Gemeinschaft, die daraus entsteht. Wie viele Beispiele könnte ich allein aus unserer Gemeinde aufzählen, wo Menschen aller Generationen aufeinander achten, sich umeinander kümmern, die Einsamen nicht vergessen, für Bedürftige spenden (hier vor Ort und weltweit). Ich habe ein Tagebuch angefangen mit dem Titel Das stille Gute – ich schreibe Beispiele auf, was alles im Stillen an Gutem geschieht. Ich staune, wie voll es wird, Tag für Tag. Das alles ist auch Kirche, Gemeinde. Manche sagen jetzt aber: Dazu braucht man doch die Institution nicht! Ich meine dagegen: ohne Institution wird vieles an Christlichem versickern. Sie ist der Rahmen, in dem vielem von dem geschieht, was ich aufgezählt habe.

* Beispiel Religionsunterricht: gerade behandle ich in der Grundschule die Zehn Gebote. Wie wichtig, Kindern diese Werte mitzugeben, darüber ins Gespräch zu kommen, ihnen einen „Schatz fürs Leben“ mitzugeben. Zugleich für die Kinder seelsorgerlicher Ansprechpartner zu sein. Für viele Eltern ist es nicht leicht, über Glaubensthemen mit Kindern zu sprechen. Es ist deshalb eine Hilfe, wenn die Kirche das mit übernimmt. Wie sonst werden Religion, Werte und das Wissen um unsere kulturellen Wurzeln in die nächsten Generationen weitergegeben?

* Beispiel Kirchengebäude: je weniger Leute Mitglieder in der Kirche sind, desto weniger werden unsere Kirchengebäude gehalten werden können. Das betrifft sicher nicht den Kölner Dom oder die Karlsruher Christuskirche – aber viele kleinere Kirchen stehen auf dem Prüfstand. Es wäre ein enormer Verlust nicht nur an Gottesdiensträumen und Räumen der Stille, sondern auch an unserem kulturellen Erbe. Ich denke oft: wenn das Christentum schwächer wird, was stößt in die Lücke? Eine noch stärkere Orientierung am Materiellen? Und braucht es nicht eine starke Kirche auch im Gegenüber und im Dialog mit anderen?

* Beispiel Einsatz für die Schwachen: wie segensreich sind die Organisationen von Caritas und Diakonie! Ich denke hier in Ettlingen an das Hospiz oder an den Tafelladen oder an die Beratungsangebote. Es braucht Menschen und Organisationen, die sich für die Bedürftigen einsetzen – politisch und ganz konkret vor Ort. Wie viel ärmer wäre eine Gesellschaft, die das nicht mehr hat!

* Beispiel Seelsorge: wie wichtig ist es, Menschen in Krisen beizustehen – bis hin zu Trauer und Tod. Mit einer Botschaft, die über dieses Leben hinausreicht.

Dies alles ist ein Plädoyer, in der Kirche zu bleiben – trotz all der Schwächen, die sie hat. Wir in der Kirche sind allesamt keine Heiligen, sondern Menschen mit Stärken und Fehlern, die aus der Gnade Gottes leben und die versuchen, sich für das Gute und das Evangelium einzusetzen.

Andreas Heitmann

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