Liebe Gemeinde,

das erste, was mich an der Schöpfungsgeschichte fasziniert, ist der erste Buchstabe. Es heißt: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Wörtlich steht hier aber nicht am Anfang, sondern: in einem Anfang, nicht mit Artikel, sondern ohne Artikel.
Erstaunlich, nicht wahr?
Was bedeutet das?
Ich sage das, was ich mehr ahne als auf den Punkt bringe. Es würde für mich bedeuten: es geht nicht um einen absoluten Anfang („der Anfang“), sondern um einen Anfang –, den Gott setzt.
Und wenn er einen Anfang setzt, setzt er vielleicht auch einen anderen. —
Zum Beispiel jeden Tag neu. Vielleicht ist Schöpfung nicht nur in einem Anfang, sondern jeden Tag neu. Nicht nur vielleicht, sondern ganz sicher.
Oder er setzt einen neuen Anfang, wo alles zu Ende scheint. Zerstört. Ohne Hoffnung. In verbrannter Erde. In Gewalt und Tod.
An Ostern.
In einem Anfang.  —-
Im Johannesevangelium wird dies übrigens aufgegriffen, da steht der berühmte Satz Am Anfang war das Wort. Auch hier fehlt der Artikel. En Arche, in einem Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.  


Ein zweiter Gedanke. Auf meinem Couchtisch liegt ein Buch von einem Astrophysiker, Heino Falcke, der zugleich Prädikant (Laienprediger) der Rheinischen Landeskirche ist. Dieser Professor der Astrophysik schreibt in seinem Bestseller Licht im Dunkeln über das sich ausdehnende Universum, über Galaxien, Millionen von Lichtjahren entfernt, über sterbende Sterne und schwarze Löcher. Alles unvorstellbar riesig – und in den Bildern immer wieder: die winzig kleine Erde, wie ein Staubkorn im Weltall. Wie gesagt, dieses Buch liegt auf meinem Couchtisch und jetzt daneben, zur Vorbereitung auf diesen Gottesdienst, die Schöpfungsgeschichte der Bibel.
Ein Widerspruch?
Ich glaube nicht. Ich meine, dass die Bibel uns nicht naturwissenschaftliche Erkenntnisse lehren will, sondern etwas über Gott aussagen will, was gleichsam auf einer tieferen Ebene liegt. Und man kommt vor allem dann in Schwierigkeiten, wenn man meint, dass Gott gleichsam jedes Wort diktiert habe – man kommt schon dann in Schwierigkeiten, weil verschiedene Bibelstellen gegeneinander stehen, und noch mehr, wenn es um naturwissenschaftliche Erkenntnisse oder gesellschaftliche Wandlungen geht.
Mit Paulus gesagt: es ist nicht der Buchstabe, sondern der Geist, um den es geht, der das Wort zum Wort Gottes macht.  
Mir geht es so: ich kann das Buch des Astrophysikers lesen – und es macht meinen Glauben an Gott den Schöpfer nicht kleiner, sondern erfüllt mich mit mehr Ehrfurcht – auch wenn ich manches unheimlich finde (die sterbenden Sterne und das ausdehnende Universum). Und ich lese die Schöpfungsgeschichte nicht so, als wäre sie ein Protokoll dessen, was Gott geschaffen hat, sondern als Wort Gottes, das mich im Glauben stärken und weiterbringen will.

Ein dritter Gedanke: Dieses erste Kapitel der Bibel ist, das kann man an verschiedenen Stellen sehen und zeigen, zu einer besonderen Zeit entstanden. Ein kleines Volk, von einer Großmacht bedroht und angegriffen und überrannt. Das Volk Israel von den Babyloniern. Die Babylonier kommen mit ihren überlegenen Waffen und haben ihre Siegeszeichen dabei – nicht das Z, sondern die Bilder ihrer Götter, die sie als Feldzeichen vor sich hertragen. Die Israeliten werden in ihren Städten eingeschlossen, belagert und bombardiert. Wie viele Gebete an Gott – und es geschieht: nichts.

Das kleine Volk wird überrannt, viele getötet, ermordet und all das, was wir kennen, viele gefangen genommen und weggeführt. Einmal im Jahr, nicht am 9. Mai, sondern am Neujahrstag, gibt es einen Triumphzug der Babylonier um ihre Stadt, die siegreichen Götterbilder werden vorneweg getragen, der König reitet voran, er nimmt dann die Parade ab und so weiter. Die Besiegten müssen das mit ansehen.

In dieser Situation, in diesen Jahren entsteht die Schöpfungsgeschichte. Und die Israeliten sagen und schreiben auf: unser Gott ist es, der Himmel und Erde gemacht hat. Er sagt nur ein Wort: Es werde Licht. Und es ward Licht. Und Gott schied das Licht von der Finsternis.
Und die mächtigen Götter der Babylonier?

Der Mondgott Sin und der Sonnengott Schamasch, sie werden am vierten Tag geschaffen und wie Lampen an den Himmel gehängt. Und am vierten Tag macht Gott, der Allmächtige, zwei große Lichter, ein großes Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch die Sterne. Und Gott setzte sie an die Feste des Himmels, das sie schienen auf die Erde und den Tag und die Nacht regierten und schieden Licht und Finsternis.

Für uns: es gibt so viel, was mächtig, was über-mächtig erscheint, was uns Angst macht. Ich sage es mit der Schöpfungsgeschichte und angelehnt an Worte des Propheten Deuterojesaja, der auch in dieser Zeit gewirkt hat: Wer bist du denn, dass du dich so fürchtest und hast des Herrn vergessen, der Himmel und Erde gemacht hat und dic

h und dich mit Namen kennt?  

Vierter Gedanke: Jeder Tag endet mit dem Satz: Gott sah dass es gut war. Gottes gute Schöpfung. Ich finde so schön, dass dieser Satz die Schöpfungsgeschichte wie ein Refrain durchzieht – die Dankbarkeit und das Staunen über Gottes gute Schöpfung. Gott sah, dass es gut war.
Und gerade deshalb beschleicht mich seit Jahren und Jahrzehnten die bange Frage: ob Gott das heute auch so sagt? Gott sah, dass es gut war? Dass es gut ist auf der Erde, wenn sie so allmählich kaputt geht? Und ob das nicht die Sünde schlechthin ist, der gegenüber alle anderen Sünden klein sind, Gottes gute Schöpfung, Seite 1 der Bibel, kaputt zu machen, aus Gier?
Am vergangenen Mittwoch haben wir zusammen mit unserem Sohn das Heute Journal geschaut – und dann kam: heute ist Erd-überlastungstag. Unser Sohn: Ich habe gedacht, es wird besser. Aber es wird immer noch schlimmer. Wie kann denn das sein? Wir sind alle erschrocken – jeder weiß es, dass sich was ändern muss – und der Erdüberlastungstag rückt immer weiter nach vorn als nach hinten.

Ich kann alle immer wieder nur bitten: fangt bei euch selbst an – jeder weiß, was zu tun ist – und sollte es auch wirklich umsetzen – aber noch wichtiger ist, dass es auch im Großen politisch funktioniert. Wir haben nicht mehr viel Zeit.

Letzter Gedanke: das Ziel der Schöpfung ist nicht der 6. Tag, die Erschaffung des Menschen. Damit endet es NICHT. Ich sage das, weil man ja oft gedacht hat, der Mensch sei die Krone der Schöpfung. Anthropozän.
Nach dem sechsten Tag kommt noch einer – und der ist das Ziel und das Ende der Schöpfungsgeschichte und vielleicht auch das Ziel der Schöpfungsgeschichte Gottes mit seiner Welt.
Das Ziel der siebte Tag, und da kann man nun entweder sagen – die Ewigkeit – oder der Einklang von allem mit allem, dass Gott alles in allem ist. Schalom, der große Frieden, so wie er in den biblischen Verheißungen an manchen Stellen geschaut wird. Alina hat es in ihrer Bebilderung der Schöpfungsgeschichte als Regenbogen gemalt – der Bund Gottes mit den Menschen, dass Gott alles in allem sein wird. Sein Frieden für die Menschen und die Natur – für die Ukraine, für Syrien und für alle Orte, wo Krieg ist. Auf den letzten Seiten der Bibel heißt es: Gott wird bei ihnen wohnen und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein, und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein, denn das erste ist vergangen. (Offb21)

Das ist die Verheißung, auf die wir zugehen. In Jesus Christus hat sie bereits begonnen – wir feiern das an jedem Sonntag, an jedem siebten oder ersten Tag der Woche, wie man will – wir feiern es im Abendmahl – ein Vorgeschmack seiner Herrlichkeit. Darauf gehen wir zu. Amen

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